Ernährungswissenschaftler Udo PollmerLiebe Eltern,

Sie halten gerade ein Spielbuch in den Händen, das mittendrin ein Kochbuch für Kinder enthält. Spielen ja, aber wie mag meine schöne Küche nach den kulinarischen Versuchen kreativer Möchtegernköche aussehen? Da koche ich lieber selber...

Keine Angst. Sie als Mutter oder Vater sind natürlich gefragt, ihren Kindern beim Kochen die nötige Hilfestellung zu geben. Weniger wegen dem Geklecker sondern weil die Küche für den Unerfahrenen ein riskanter Ort sein kann: Man kann sich schneiden, stechen oder verbrühen. Aber auch die Lebensmittel haben ihre Tücken: Wer scharfe Chilis anfasst, wer mit Cayennepfeffer würzt, sollte sich davor hüten, danach beim Zwiebelschneiden mit ungewaschenen Fingern in die tränenden Augen zu greifen. Beim Umgang mit tiefgekühlten Brathähnchen ist Hygiene unabdingbar. Kartoffeln müssen stets geschält werden, da die Schale von Natur aus Giftstoffe enthält, die für Kinder alles andere als gesund sind. Allesamt Dinge, die junge Menschen heute nur noch selten lernen, die fürs praktische Leben aber weitaus wichtiger sind, als das Zählen von Kalorien.

Aber nicht nur deshalb brauchen Kinder in der Küche die Hilfe der Erwachsenen. Kochen ist eine Kulturtechnik wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Sie ist seit jeher die Grundlage einer „gesunden Ernährung“. Gesunde Kost muss bekömmlich sein, weil Unbekömmliches nun mal nicht gesund sein kann. Sie muss so beschaffen sein, dass wir sie immer wieder gerne essen. Wir brauchen wieder die Freude am Essen und nicht ideologische Überzeugungen, die mit dem Zeitgeist wechseln und mit dem Deckmäntelchen der „Wissenschaft“ versehen werden.

In meiner Kindheit hätte ich den Verdauungstrakt eines Raubtieres benötigt, um die großen Portionen an Fleisch, die Gesundheit und Lebenskraft versprachen, auch vertilgen zu können. Später wäre ein Schnabel, ein Kropf und ein Muskelmagen von Vorteil gewesen, um die gesunden Körner picken, vorweichen und im Magen zerquetschen zu können. Heute bräuchte ich den Pansen eines Rindviehs, um aus dem vielen vegetarischen Stroh, das in den Medien gedroschen wird, auch den versprochenen Nutzen zu ziehen.

Kinder brauchen keine Ernährungsvorschriften, die vom Zeitgeist diktiert werden, sondern die Freude am Essen. Und dazu gehört auch die Freude am Kochen, die Freude am kreativen Spiel, die Freude an der Kultur. Kurz die Freude am Leben. Eine Grundlage ist die handwerkliche Sicherheit im Umgang mit Pfanne und Herd, die Sicherheit, auch dann satt zu werden, wenn die Mikrowelle kaputt ist und der Dosenöffner streikt. Das lernt man nur in der heimischen Küche.

Ihren Kindern und Ihnen wünsche ich viel Spaß beim Spiel und einen gesunden Appetit beim Essen!

Udo Pollmer

Unter dem Titel „Deutschlands wichtigste Vordenker“ hat die Zeitschrift Cicero ermitteln lassen, welche Wissenschaftler in unseren Landen Deutungsmacht in ihrem Fachgebiet für sich beanspruchen können, weil sie in wissenschaftlichen Zeitschriften besonders häufig zitiert werden und in Leitmedien zu Worte kommen.

Udo Pollmer belegt in dieser illustren Runde der einflussreichsten Naturwissenschaftler einen hervorragenden 20. Platz.

Seine wissenschaftliche Arbeit dokumentiert er auf der Internetplattform www.das-eule.de.